Inv. 03 · Saal 3 · Raum 1.03 · Wie Märkte funktionieren
Anleihen verstehen: Wie Schuldpapiere funktionieren
Was passiert, wenn ein Staat oder ein Unternehmen eine Anleihe ausgibt, und warum ändert sich ihr Kurs, obwohl der Zinssatz fest vereinbart ist?
Anleihen sind eines der ältesten Instrumente, mit denen sich Staaten und Unternehmen Geld leihen. Sie werden auch Schuldverschreibungen oder Renten genannt, wobei das zweite Wort nichts mit der Altersrente zu tun hat. Im Kern ist eine Anleihe ein Versprechen: Der Herausgeber erhält heute Geld und sagt zu, es zu festgelegten Zeitpunkten zu verzinsen und am Ende zurückzuzahlen.
Dieser Text erklärt die wichtigsten Begriffe, den typischen Ablauf von der Ausgabe bis zur Rückzahlung und den Zusammenhang zwischen Kurs und Zinsniveau. Er nennt keine einzelnen Anleihen und bewertet keine Herausgeber.
Das Wichtigste
- Eine Anleihe ist ein handelbares Darlehen mit festgelegtem Nennwert, Kupon und Laufzeit.
- Steigt das allgemeine Zinsniveau, sinken die Kurse bereits ausgegebener Anleihen, und umgekehrt.
- Das Risiko, dass ein Herausgeber nicht zahlt, ist nie null und unterscheidet sich stark.
Die Bausteine einer Anleihe
Jede Anleihe lässt sich mit wenigen Angaben beschreiben. Sie stehen in den Anleihebedingungen, die bei der Ausgabe veröffentlicht werden, und ändern sich während der Laufzeit in der Regel nicht.
- Herausgeber (Emittent)
- Der Staat, das Bundesland, die Gemeinde oder das Unternehmen, das sich Geld leiht.
- Nennwert
- Der Betrag, auf den sich Zinsen und Rückzahlung beziehen, häufig 100 oder 1.000 Euro je Stück.
- Kupon
- Der feste Zinssatz, bezogen auf den Nennwert, meist einmal im Jahr ausgezahlt.
- Laufzeit
- Der Zeitraum bis zur Rückzahlung des Nennwerts, von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahrzehnten.
- Kurs
- Der Preis, zu dem die Anleihe nach der Ausgabe gehandelt wird, angegeben in Prozent des Nennwerts.
Von der Ausgabe bis zur Rückzahlung
Bei der Ausgabe legt der Herausgeber Nennwert, Kupon und Laufzeit fest. Anleger, die die Anleihe zeichnen, zahlen den Ausgabepreis und erhalten dafür die vereinbarten Zinszahlungen. Am Ende der Laufzeit zahlt der Herausgeber den Nennwert zurück, sofern er dazu in der Lage ist.
Wer eine Anleihe vor dem Ende der Laufzeit verkaufen möchte, kann das in vielen Fällen über eine Börse oder direkt mit einer Bank tun. Der Preis richtet sich dann nicht mehr nach dem Nennwert, sondern nach Angebot und Nachfrage. Er kann darüber oder darunter liegen.
Warum sich der Kurs bewegt
Der Kupon einer Anleihe bleibt fest, das allgemeine Zinsniveau aber nicht. Angenommen, eine Anleihe mit drei Prozent Kupon wurde ausgegeben, und kurz darauf bieten neu ausgegebene, vergleichbare Anleihen vier Prozent. Dann ist die ältere Anleihe weniger attraktiv. Käufer sind nur bereit, sie zu einem niedrigeren Preis zu übernehmen, sodass ihre Rendite bezogen auf den Kaufpreis ungefähr dem neuen Niveau entspricht.
Sinkt das Zinsniveau dagegen, gewinnt die ältere Anleihe mit ihrem höheren Kupon an Attraktivität, und ihr Kurs steigt. Dieser gegenläufige Zusammenhang zwischen Zinsniveau und Anleihekursen gehört zu den wichtigsten Mechanismen am Kapitalmarkt. Er wirkt umso stärker, je länger die Restlaufzeit ist.
| Situation | Neue Anleihen bieten | Kurs der älteren Anleihe (3 % Kupon) |
|---|---|---|
| Zinsniveau steigt | 4 % | sinkt unter 100 % |
| Zinsniveau unverändert | 3 % | bleibt nahe 100 % |
| Zinsniveau sinkt | 2 % | steigt über 100 % |
Wer eine Anleihe bis zum Ende der Laufzeit hält, erhält unabhängig von zwischenzeitlichen Kursschwankungen den Nennwert zurück, solange der Herausgeber zahlungsfähig bleibt. Wer vorher verkauft, realisiert den aktuellen Kurs.
Welche Risiken mit Anleihen verbunden sind
Anleihen gelten oft als vergleichsweise ruhige Wertpapiere, risikolos sind sie nicht. Das wichtigste Risiko ist, dass der Herausgeber Zinsen oder Rückzahlung nicht oder nicht vollständig leisten kann. Dieses Ausfallrisiko unterscheidet sich je nach Herausgeber erheblich. Ratingagenturen bewerten es mit Buchstabenskalen; diese Einschätzungen können sich ändern und sind selbst keine Zusage.
- Ausfallrisiko: Der Herausgeber zahlt nicht oder nur teilweise.
- Zinsänderungsrisiko: Der Kurs sinkt, wenn das allgemeine Zinsniveau steigt.
- Inflationsrisiko: Feste Zahlungen verlieren real an Wert, wenn die Preise stärker steigen als erwartet.
- Liquiditätsrisiko: Manche Anleihen werden selten gehandelt und sind schwer zu einem angemessenen Preis zu verkaufen.
Hinzu kommt bei Anleihen in fremder Währung ein Wechselkursrisiko. Für Privatanleger gilt außerdem, dass Kosten beim Kauf und Verkauf die tatsächliche Rendite verringern.
Kupon und Rendite sind nicht dasselbe
Ein häufiges Missverständnis betrifft den Unterschied zwischen Kupon und Rendite. Der Kupon ist der feste Zinssatz bezogen auf den Nennwert. Die Rendite beschreibt dagegen, welchen Ertrag eine Anleihe bezogen auf den tatsächlich gezahlten Kaufpreis bis zum Ende der Laufzeit bringt. Wer eine Anleihe unter dem Nennwert kauft, erzielt eine Rendite oberhalb des Kupons, wer über dem Nennwert kauft, eine darunter.
In Nachrichten über Staatsanleihen ist meist die Rendite gemeint, nicht der Kupon. Wenn es heißt, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen sei gestiegen, bedeutet das, dass die Kurse der umlaufenden Anleihen gefallen sind. Mit diesem Wissen lassen sich viele Meldungen über den Anleihemarkt leichter einordnen, ohne dass daraus eine Erwartung für die Zukunft abgeleitet werden kann.
Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Finanzberatung oder Handlungsaufforderung dar. Entscheidungen über Geld, Kredite oder Anlagen treffen Sie selbst und in eigener Verantwortung.