Inv. 02 · Saal 2 · Raum 1.02 · Zinsen und Inflation
Nominalzins und Realzins: der Unterschied
Warum sagt ein Zinssatz allein wenig darüber aus, wie sich die Kaufkraft eines Guthabens oder die Last eines Kredits entwickelt?
Ein Zinssatz von drei Prozent klingt eindeutig. Wer 1.000 Euro anlegt, hat nach einem Jahr 1.030 Euro. Ob man sich mit diesem Betrag aber mehr oder weniger kaufen kann als vorher, hängt davon ab, wie sich die Preise im selben Zeitraum entwickelt haben. Genau hier liegt der Unterschied zwischen Nominalzins und Realzins.
Dieser Text erklärt beide Begriffe, zeigt, wie man den realen Zins näherungsweise berechnet, und beschreibt, warum die Unterscheidung für Sparguthaben und für Kredite gleichermaßen wichtig ist. Er enthält keine Aussage darüber, wie sich Zinsen oder Preise künftig entwickeln werden.
Das Wichtigste
- Der Nominalzins ist der vereinbarte Satz, der Realzins berücksichtigt die Inflation.
- Näherungsweise gilt: Realzins ≈ Nominalzins minus Inflationsrate.
- Ein negativer Realzins bedeutet sinkende Kaufkraft trotz steigendem Kontostand.
Der Nominalzins: was im Vertrag steht
Der Nominalzins ist der Zinssatz, der in einem Vertrag oder Angebot genannt wird, meist bezogen auf ein Jahr. Bei einem Sparkonto gibt er an, um wie viel Prozent das Guthaben wächst; bei einem Kredit, wie viel Prozent der geliehenen Summe als Zinsen zu zahlen sind. Er beschreibt eine Veränderung in Euro, nicht in Kaufkraft.
Bei Krediten wird der vereinbarte Zinssatz in Deutschland als Sollzins bezeichnet. Daneben steht der effektive Jahreszins, der weitere Kosten einbezieht. Beide sind nominale Größen: Sie sagen nichts darüber, wie viel ein Euro in einem Jahr wert sein wird.
Inflation: der zweite Teil der Rechnung
Inflation bezeichnet den allgemeinen Anstieg der Preise über einen Zeitraum. In Deutschland misst das Statistische Bundesamt sie über den Verbraucherpreisindex, der die Preisentwicklung eines repräsentativen Warenkorbs abbildet. Für den Euroraum veröffentlicht das Statistische Amt der Europäischen Union einen harmonisierten Index, auf den sich die Europäische Zentralbank bezieht.
Steigen die Preise in einem Jahr um zwei Prozent, kostet ein Warenkorb, der zuvor 100 Euro gekostet hat, danach 102 Euro. Mit demselben Geldbetrag lässt sich also weniger kaufen. Diesen Verlust an Kaufkraft muss ein Zins zunächst ausgleichen, bevor das Guthaben real wächst.
Die Inflationsrate wird in der Regel als Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat angegeben. Für die Rechnung mit Zinsen ist das passend, weil auch Zinssätze meist auf ein Jahr bezogen sind. Monatliche Veränderungen sind kleiner und schwanken stärker; sie lassen sich nicht einfach mit einem Jahreszins vergleichen.
Wichtig ist, dass der Index einen Durchschnitt beschreibt. Ein Haushalt, der überdurchschnittlich viel für Energie oder Mieten ausgibt, kann eine deutlich höhere persönliche Teuerung erleben als die amtliche Rate.
Den Realzins berechnen
Der Realzins beschreibt, wie sich die Kaufkraft eines Betrags verändert. Für eine schnelle Abschätzung genügt eine einfache Subtraktion: Nominalzins minus Inflationsrate. Bei drei Prozent Zins und zwei Prozent Inflation ergibt sich ein realer Zins von etwa einem Prozent.
Die genaue Formel teilt statt zu subtrahieren: Man teilt eins plus Nominalzins durch eins plus Inflationsrate und zieht eins ab. Bei 1,03 geteilt durch 1,02 ergibt sich ein realer Zins von rund 0,98 Prozent. Bei niedrigen Werten ist der Unterschied zur Näherung gering; bei hohen Zins- und Inflationsraten wird er größer.
| Beispiel | Nominalzins | Inflation | Realzins (Näherung) |
|---|---|---|---|
| Fall A | 3 % | 2 % | etwa 1 % |
| Fall B | 2 % | 2 % | etwa 0 % |
| Fall C | 1 % | 3 % | etwa –2 % |
Wenn der Realzins negativ ist
Liegt die Inflationsrate über dem Nominalzins, ist der Realzins negativ. Der Kontostand steigt dann zwar weiterhin, aber langsamer als die Preise. Im Fall C der Tabelle wächst ein Guthaben von 1.000 Euro auf 1.010 Euro, während der Warenkorb von 1.000 auf 1.030 Euro steigt. Real hat das Guthaben an Wert verloren.
Für Kredite gilt die Logik umgekehrt. Eine Kreditnehmerin, die einen festen Sollzins vereinbart hat, zahlt ihre Raten in Euro zurück. Steigen Preise und Einkommen, wird die gleichbleibende Rate im Verhältnis zum Einkommen kleiner. Das gilt allerdings nur, wenn die Einkommen tatsächlich mitwachsen, was nicht selbstverständlich ist.
- Für Sparguthaben zeigt der Realzins, ob die Kaufkraft erhalten bleibt.
- Für Kredite zeigt er, wie schwer die Rückzahlung real wiegt.
- In beiden Fällen ist die künftige Inflation bei Vertragsabschluss unbekannt.
Was die Unterscheidung im Alltag bringt
Die Unterscheidung hilft vor allem beim Lesen von Angeboten und Nachrichten. Ein Zinssatz, der im Vergleich zu früheren Jahren hoch erscheint, kann real niedrig sein, wenn gleichzeitig die Preise stark steigen. Umgekehrt kann ein niedriger Zins bei sehr geringer Inflation real durchaus positiv sein.
Wer Zinsangebote vergleicht, sollte außerdem auf den Zeitraum achten. Manche Angebote nennen einen Zinssatz pro Monat oder nur für einen Teil des Jahres. Erst wenn alle Angaben auf ein Jahr umgerechnet sind, lassen sie sich miteinander und mit der jährlichen Inflationsrate vergleichen.
Die Rechnung mit dem Realzins ist immer eine Betrachtung im Nachhinein oder eine Annahme. Wie sich Preise in Zukunft entwickeln, lässt sich nicht verlässlich vorhersagen. Der Begriff hilft deshalb nicht bei der Frage, welches Angebot sich lohnt, sondern beim Verständnis, was eine Zinsangabe überhaupt bedeutet.
Hinweis: Dieser Text dient ausschließlich der Bildung und stellt keine Finanzberatung oder Handlungsaufforderung dar. Entscheidungen über Geld, Kredite oder Anlagen treffen Sie selbst und in eigener Verantwortung.